Was passiert in diesem Land?
Audi Neckarsulm und die Zukunft des Standorts.
Ich habe mir das jetzt einige Wochen angeschaut. Die Meldungen verfolgt, die Stellungnahmen gelesen, die Gespräche, Besuche und öffentlichen Auftritte beobachtet. Und ich muss sagen: Ich finde es inzwischen erschreckend, teilweise sogar abstoßend, wie mit der Situation rund um Audi Neckarsulm politisch umgegangen wird.
Dabei sollte man zunächst einmal bei den Fakten bleiben. Nach einem bekannt gewordenen internen Papier hat der Volkswagen-Vorstand einstimmig beschlossen, die Produktion am Standort Neckarsulm 2034 auslaufen zu lassen. Wenige Tage später hat auch der VW-Aufsichtsrat dem Sanierungsplan des Vorstands einstimmig zugestimmt. Für Neckarsulm könne eine „wettbewerbsfähige Folgebelegung“ nicht gewährleistet werden. Das sind für mich zunächst einmal die entscheidenden Fakten. Gleichzeitig gibt es eine Chance: Neckarsulm soll seine Kosten deutlich senken und sich damit für eine mögliche Folgebelegung empfehlen. Eine solche Folgebelegung kann geprüft werden – garantiert ist sie nicht.
Und was erleben wir seitdem? Es wird relativiert, beschwichtigt und immer wieder darauf verwiesen, dass noch nicht das letzte Wort gesprochen sei. Es werden Gespräche angekündigt, Gespräche geführt und anschließend neue Gespräche in Aussicht gestellt. Oberbürgermeister und Landrat zeigen sich kämpferisch, Ministerpräsident Cem Özdemir kommt nach Neckarsulm und auch aus dem Werk selbst hören wir immer wieder Zuversicht. Natürlich hoffe auch ich, dass sich am Ende noch etwas ändert. Sogar sehr. Jeder Arbeitsplatz, der in Neckarsulm erhalten werden kann, ist es wert, dafür zu kämpfen. Aber Hoffnung verändert zunächst einmal keine Konzernentscheidung und eine mögliche Folgebelegung ist noch keine Standortgarantie.
Ich kann durchaus verstehen, dass niemand Tausende Mitarbeiter und ihre Familien von heute auf morgen mit der ganzen Härte einer solchen Entwicklung konfrontieren und zusätzlich verunsichern möchte. Vielleicht steckt hinter dieser Kommunikation sogar genau diese Absicht: Hoffnung erhalten, Zeit gewinnen, nach Lösungen suchen und einen möglichen Übergang möglichst behutsam gestalten. Aber irgendwann wird aus Beruhigung Beschönigung. Und genau diesen Eindruck habe ich mittlerweile.
Denn sollte die Produktion in Neckarsulm 2034 tatsächlich enden, kann der Konzern später darauf verweisen, dass diese Entwicklung keineswegs überraschend gekommen ist. Der Vorstand hatte seine Entscheidung 2026 getroffen, der Aufsichtsrat hat anschließend dem Sanierungsplan zugestimmt und eine Folgebelegung wurde ausdrücklich nicht garantiert. Niemand könnte dann ernsthaft behaupten, Volkswagen habe damals eine dauerhafte Zukunft des Standorts versprochen. Dass Werkleitung, Betriebsrat oder Politiker anschließend Hoffnung verbreiten, Gespräche führen und betonen, es sei noch nicht das letzte Wort gesprochen, ändert an diesen Fakten zunächst einmal nichts. Das sind Möglichkeiten und Verhandlungen – aber keine neue verbindliche Konzernentscheidung.
Für mich stellt sich die Situation deshalb ziemlich nüchtern dar: Der Konzern hat einen Weg vorgegeben und gleichzeitig eine Tür offengelassen. Gelingt es Neckarsulm, die geforderten Voraussetzungen zu erfüllen, und entscheidet Volkswagen anschließend neu, wäre das hervorragend. Vielleicht gelingt es, einen Teil der Produktion zu erhalten, vielleicht kommen neue Modelle oder eine andere industrielle Aufgabe. Darüber würde ich mich für jeden einzelnen Beschäftigten und für unsere gesamte Region freuen. Aber solange diese neue Entscheidung nicht gefallen ist, steht die bisherige Ausgangslage nun einmal im Raum.
Und genau deshalb wünsche ich mir gegenüber den Beschäftigten weniger Beruhigung und mehr Klarheit. Man kann gleichzeitig sagen: Ja, wir kämpfen um Neckarsulm. Ja, es besteht noch eine Chance. Aber genauso muss man sagen, wie ernst die Ausgangslage tatsächlich ist. Hoffnung ist wichtig. Sie darf nur nicht mit einer Zusage verwechselt werden.
Oberbürgermeister, Landrat, Ministerpräsident und andere politische Verantwortliche können Gespräche führen, Forderungen stellen, vermitteln und politischen Druck ausüben. Das ist ihre Aufgabe und das sollen sie auch tun. Sollte der Konzern seine Entscheidung tatsächlich ändern, darf daraus aber nicht automatisch die Geschichte werden, die Politik vor Ort habe das Werk gerettet. Über Milliardeninvestitionen, neue Modelle und die künftige Belegung eines Werkes entscheidet am Ende der Konzern.
Was mich aber noch viel mehr beschäftigt, ist die Frage, wie wir überhaupt an diesen Punkt gekommen sind. Was passiert eigentlich in diesem Land? Wir diskutieren mittlerweile darüber, wie Politiker einzelne Industriestandorte retten können, nachdem die Rahmenbedingungen für unsere Industrie über Jahre immer schwieriger geworden sind. Statt die Ursachen zu beseitigen, stehen Politiker anschließend vor den Werkstoren und erklären, wie sehr sie nun um die Arbeitsplätze kämpfen.
Hohe Energiepreise, hohe Lohnnebenkosten, immer mehr Bürokratie und Auflagen und fehlende Planungssicherheit sind für Unternehmen keine theoretischen Probleme. Am Ende entscheiden solche Rahmenbedingungen darüber, wo investiert, entwickelt und produziert wird. Für mich ist deshalb die grün geprägte Wirtschafts- und Energiepolitik der vergangenen Jahre eine Arbeitsplatzvernichtungspolitik. Das ist meine politische Bewertung, und dazu stehe ich.
Für mich gehört dazu auch der politisch forcierte Ausstieg aus dem Verbrennungsmotor. Ich halte ihn für eine der größten industriepolitischen Fehlentscheidungen der vergangenen Jahre. Deutschland hat über Jahrzehnte enorme Kompetenz in der Entwicklung von Verbrennungsmotoren aufgebaut. Gerade beim Diesel haben deutsche Hersteller und Zulieferer Milliarden in Forschung, Entwicklung und immer bessere Abgasreinigung investiert und enormes technisches Know-how aufgebaut.
Ausgerechnet diese Technologie wurde aus meiner Sicht über Jahre schlechtgeredet und durch politische Vorgaben immer weiter aus dem Markt gedrängt. Dabei hat ein moderner Diesel bei den Schadstoffemissionen mit vielen Fahrzeugen früherer Generationen kaum noch etwas gemeinsam. Moderne Diesel der Normen Euro 6d-TEMP und Euro 6d erreichen auch im realen Straßenbetrieb ein niedriges Emissionsniveau. Das Umweltbundesamt ermittelte beispielsweise bei Euro-6d-TEMP-Dieseln im realen Fahrbetrieb durchschnittlich nur noch 46 Milligramm Stickoxide pro Kilometer. Damit wurden die entsprechenden Anforderungen für Messungen im realen Fahrbetrieb deutlich unterschritten.
Natürlich entsteht auch bei einem modernen Diesel weiterhin CO₂. Das bestreite ich überhaupt nicht. Aber genau deshalb wäre für mich Technologieoffenheit der richtige Weg gewesen. Moderne und immer effizientere Verbrennungsmotoren, Diesel, synthetische Kraftstoffe, Hybride, Wasserstoff und Elektromobilität – warum lassen wir nicht Ingenieure, Unternehmen und am Ende die Kunden darüber entscheiden, welche Technologie sich für welchen Zweck durchsetzt?
Stattdessen wurden unserer Automobilindustrie immer strengere europäische CO₂-Flottengrenzwerte auferlegt. Sie schreiben zwar nicht vor, welches einzelne Fahrzeug ein Hersteller verkaufen darf, begrenzen aber den durchschnittlichen CO₂-Ausstoß seiner neu zugelassenen Fahrzeugflotte. Für 2025 bis 2029 liegt der EU-weite Zielwert für neue Pkw bei 93,6 Gramm CO₂ pro Kilometer, für 2030 bis 2034 bei nur noch 49,5 Gramm. Solche Vorgaben erzeugen erheblichen regulatorischen Druck und beeinflussen damit zwangsläufig, welche Fahrzeuge entwickelt, angeboten und verkauft werden.
Für mich ist das der falsche Weg. Der Kunde sollte entscheiden, welches Fahrzeug zu seinem Leben, seinem Beruf und seinen Bedürfnissen passt – nicht die Politik über immer engere Vorgaben indirekt darüber bestimmen, welche Antriebsart ein Hersteller zunehmend verkaufen muss.
Besonders bemerkenswert finde ich, dass inzwischen selbst auf europäischer Ebene wieder zurückgerudert wird. Ende 2025 hat die EU-Kommission vorgeschlagen, die bislang für 2035 geltende Vorgabe einer hundertprozentigen Reduktion der Auspuff-CO₂-Emissionen zu verändern. Nach dem Vorschlag sollen 90 Prozent ausreichen und die verbleibenden zehn Prozent über bestimmte Maßnahmen kompensiert werden. Damit könnten künftig auch Plug-in-Hybride, Range Extender, Mild-Hybride und Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor nach 2035 weiterhin eine Rolle spielen. Noch handelt es sich dabei um einen Vorschlag und nicht um die geltende neue Rechtslage.
Für mich kommt diese Erkenntnis reichlich spät. Denn wenn Entwicklungsabteilungen erst einmal verkleinert, Produktionslinien abgebaut, Zulieferer verschwunden und hochqualifizierte Arbeitsplätze verloren gegangen sind, lässt sich dieses Know-how nicht einfach mit einem neuen politischen Beschluss wieder zurückholen.
Und genau deshalb geht es mir bei Neckarsulm um viel mehr als nur um Audi. Es geht um die grundsätzliche Frage, ob Deutschland weiterhin Industrieland sein will. Wir können nicht einer unserer wichtigsten Industrien über Jahre immer neue Vorgaben, Kosten und Belastungen auferlegen und uns anschließend wundern, wenn Investitionen infrage gestellt, Produktionen verlagert oder Standorte geschlossen werden sollen.
Ich bin überzeugt davon, dass wir unter einer AfD-geführten Bundesregierung einen grundsätzlich anderen Weg gehen würden. Bei uns sind Unternehmen nicht diejenigen, denen man ständig neue Belastungen, Vorschriften und Auflagen auferlegt, sondern diejenigen, die Arbeitsplätze schaffen, junge Menschen ausbilden, Steuern bezahlen und damit einen erheblichen Teil unseres Wohlstands überhaupt erst ermöglichen. Unternehmen und diejenigen, die dort arbeiten, verdienen Wertschätzung und vor allem politische Rahmenbedingungen, unter denen sich Produktion in Deutschland wieder lohnt.
Energie muss bezahlbar sein, Lohnnebenkosten müssen sinken, Bürokratie und unnötige Auflagen müssen abgebaut werden und Unternehmen brauchen wieder Planungssicherheit. Und wenn es notwendig ist, unsere durch jahrelange Fehlentscheidungen gebeutelte Industrie in einer schwierigen Übergangsphase gezielt zu unterstützen, dann sollten wir auch darüber sprechen. Es geht dabei nicht darum, irgendeinem Konzern einen Gefallen zu tun. Es geht um den Standort Deutschland, um Wertschöpfung und vor allem um Arbeitsplätze.
Denn eine Frage drängt sich doch geradezu auf: Wenn Unternehmen in Deutschland bezahlbare Energie bekommen, wettbewerbsfähige Kosten haben, weniger Bürokratie bewältigen müssen und wieder verlässliche politische Rahmenbedingungen vorfinden – warum sollten sie dann ihre Produktion ins Ausland verlagern?
Deutschland war über Jahrzehnte eine der führenden Industrienationen der Welt. Dieser Wohlstand ist aber kein Naturgesetz. Er wurde von Generationen erarbeitet und muss jeden Tag aufs Neue erwirtschaftet werden. Politik hat dabei die Aufgabe, die Voraussetzungen dafür zu schaffen, statt Unternehmen immer neue Steine in den Weg zu legen und anschließend überrascht vor einem gefährdeten Werk zu stehen.
Vielleicht gelingt es noch, für Neckarsulm eine langfristige Zukunft zu erreichen. Ich wünsche mir das ausdrücklich. Aber bis dahin sollten wir den Menschen nichts vormachen und auch nichts schönreden. Gespräche sind wichtig und Gespräche können etwas bewegen – aber Gespräche sind noch keine Standortgarantie.
Und sollte der Konzern seine Entscheidung tatsächlich noch einmal ändern, eine Teilproduktion erhalten oder Neckarsulm unter anderen Voraussetzungen eine neue Zukunft geben, dann wäre das eine großartige Nachricht für die Beschäftigten und unsere gesamte Region. Nur sollten sich diejenigen, die heute vor allem erklären, Gespräche zu führen, diesen Erfolg anschließend nicht selbstverständlich ans Revers heften.
Mir wäre wesentlich lieber, wir hätten eine Politik, die dafür sorgt, dass wir solche Kämpfe um unsere Industriearbeitsplätze künftig gar nicht erst führen müssen.
Deutschland muss wieder ein Land werden, in dem Unternehmen investieren wollen, in dem industrielle Produktion eine Zukunft hat und in dem Menschen darauf vertrauen können, dass ihre Arbeitsplätze nicht Stück für Stück einer Politik zum Opfer fallen, die den Industriestandort aus meiner Sicht seit Jahren schwächt.
Quellen und weiterführende Informationen
SWR Aktuell – Produktion im Audi-Werk Neckarsulm soll 2034 enden
https://www.swr.de/swraktuell/baden-wuerttemberg/heilbronn/audi-vw-beschluss-aufsichtsrat-ende-produktion-neckarsulm-werk-medienbericht-100.html
SWR Aktuell – VW-Aufsichtsrat stimmt Sanierungsplan zu
https://www.swr.de/swraktuell/baden-wuerttemberg/heilbronn/vw-aufsichtsrat-stimmt-sanierungsplaenen-zu-100.html
SWR Aktuell – VW-Sparpaket: Zukunft der bedrohten Werke
https://www.swr.de/swraktuell/baden-wuerttemberg/sparpaket-bei-vw-beschlossen-audi-neckarsulm-die-wichtigsten-antworten-100.html
Umweltbundesamt – Reale Stickoxid-Emissionen von Diesel-Pkw
https://www.umweltbundesamt.de/presse/pressemitteilungen/reale-stickoxid-emissionen-von-diesel-pkw-nach-wie
Umweltbundesamt – Sieben Fragen und Antworten zum Diesel
https://www.umweltbundesamt.de/themen/sieben-fragen-antworten-diesel
Europäische Kommission – CO₂-Flottengrenzwerte für Pkw und leichte Nutzfahrzeuge
https://climate.ec.europa.eu/areas-action/transport-decarbonisation/road-transport/cars-and-vans_en
Europäische Kommission – Automotive Package
https://transport.ec.europa.eu/transport-themes/action-plan-future-automotive-sector/automotive-package_en
